AUS DEN ARCHIVEN DER UNIVERSITÄT OXENFURT ACADEMY
Abhandlung über den gegenwärtigen Stand der Hexerorden im Norden, verfasst im Jahr 1272
Es ist ein verbreiteter Irrtum, Hexer als Relikte einer vergangenen Zeit zu betrachten – als aussterbende Überreste einer Ära, in der Monster die Welt offen beherrschten. Ebenso falsch ist jedoch die Annahme, ihr Stand habe sich erholt.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, in einem Zustand des Verfalls.
Seit den Ereignissen des Thanedd Aufstands ist das Fundament, auf dem die Existenz der Hexer ruhte, nachhaltig erschüttert. Die Bruderschaft der Magier, einst Hüterin des Wissens um Mutationen, Alchemie und die Durchführung der sogenannten Prüfungen, existiert in ihrer alten Form nicht mehr. Mit ihrem Zerfall ging nicht nur politische Ordnung verloren, sondern auch das fragile Gleichgewicht, das notwendig war, um neue Hexer hervorzubringen.
Dennoch bestehen die alten Schulen fort.
Festungen wie Kaer Morhen und ihre Pendants in entlegenen Regionen sind nicht verlassen, sondern belebt – wenn auch im Verborgenen. Dort wird weiterhin ausgebildet, gelehrt und, in begrenztem Maße, mutiert. Doch was einst ein kontrollierter, wenn auch grausamer Prozess war, ist heute von Unsicherheit geprägt.
Die Prüfung der Gräser wird nur noch selten durchgeführt. Es fehlt an Wissen, an erfahrenen Händen und an den alchemistischen Substanzen, die für ihr Gelingen unerlässlich sind. Viele Versuche enden tödlich. Andere bringen Individuen hervor, deren Körper oder Geist die Veränderungen nicht vollständig tragen. Berichte über instabile Hexer häufen sich – über gesteigerte Aggression, Kontrollverlust oder körperliche Degeneration.
Diese Entwicklung hat den Stand der Hexer grundlegend verändert.
Ihre Zahl ist gering, doch ihre Dienste werden wieder vermehrt benötigt. Der anhaltende Krieg, die Zersplitterung der Reiche und das Wiedererstarken alter Gefahren haben Räume geschaffen, in denen professionelle Monsterjäger gefragt sind. In Grenzgebieten, verfallenen Provinzen und entlang unsicherer Handelsrouten gelten Hexer oft als notwendiges Übel – manchmal sogar als Schutz.
In den großen Städten hingegen ist ihre Stellung prekär. Besonders dort, wo religiöser Eifer vorherrscht, werden sie misstrauisch betrachtet oder offen verfolgt. Unter dem Einfluss des Kultes des Ewigen Feuers gelten sie nicht selten als widernatürlich, ihre Mutationen als Frevel.
Auch innerhalb der Schulen selbst zeigen sich Brüche.
Einige halten unbeirrt an überlieferten Methoden fest, selbst wenn diese kaum noch umsetzbar sind. Andere gehen neue Wege und experimentieren mit alternativen Verfahren, deren Ergebnisse weder vorhersehbar noch einheitlich sind. Wieder andere haben die Erschaffung neuer Hexer gänzlich aufgegeben und widmen sich der Bewahrung dessen, was vom alten Wissen noch übrig ist.
Aus diesen Unterschieden erwächst ein schleichender Identitätsverlust.
Der einst klare Kodex, der die Hexer als neutrale Auftragsjäger definierte, beginnt zu erodieren. Während manche an dieser Rolle festhalten, geraten andere zunehmend in die Strömungen der Zeit: Sie dienen lokalen Machthabern, schlagen sich auf eine Seite im Krieg oder verfolgen eigene Interessen jenseits alter Regeln. Nicht wenige verlieren dabei die Distanz, die einst als notwendige Voraussetzung ihres Daseins galt.
So steht der Orden der Hexer im gegenwärtigen Zeitalter an einem Wendepunkt.
Weder sind sie die gefürchteten Spezialisten vergangener Jahrhunderte, noch bloße Schatten ihrer selbst. Sie existieren weiter – reduziert, zersplittert und von Unsicherheit geprägt.
Und solange die Welt weiterhin Kreaturen hervorbringt, die weder Mensch noch Tier sind, wird ihr Dasein Bestand haben.
Wenn auch in veränderter Form.
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Hexer
Geschlossen